Kerzentiere

Jeden 2. Sonntag im Dezember ist Weltgedenktag für verstorbene Kinder. Trauernde rund um die ganze Welt stellen um 19h Kerzen in die Fenster. Jedes Licht steht für das Wissen, dass alle diese Kinder das Leben erhellt haben und nicht vergessen sind. Die Illustratorin & Bloggerin Melanie Garanin zeigt zu diesem Anlass ihre wunderbar traurigfröhlichfrechen Kerzentiere im alten Verwalterhaus des Friedhofs St. Marien – St. Nikolai im Prenzlauer Berg, Eingang Prenzlauer Allee 1. Heute (8.12.) und morgen (9.12.) jeweils 11 bis 17 Uhr. Danke Melanie, für all das Leuchten.

Brücke aus Papier

MEMENTO MORI. Der folgende Brief an meinen verstorbenen Opa erzählt von Erinnerungen und einer Brücke aus Papier zwischen Dieseits und Jenseits. Er ist mein Beitrag zur kreativen Totenhemdblog-Challenge von Annegret Zander & Petra Schuseil.

Du warst ein Frühaufsteher, immer schon wach, wenn ich morgens an den gedeckten Tisch kam. Frisch rasiert, die weißen Haare ordentlich aus der hohen Stirn gekämmt. Manchmal mit einem kleinen Pflaster an Wange oder Kinn. Vor dir auf dem Platzgedeck eine leer gegessene Schüssel Quark und die Hälfte einer braun gesprenkelten Banane. Ich weiß nicht, was du dir ins Haar machtest oder ob es das Rasierwasser war, aber so sauber und gut hat seitdem niemand mehr gerochen. „Guten Morgen, guten Morgen, ohne Kummer, ohne Sorgen“, sagtest du und ich wurde ein bisschen ärgerlich, weil ich nicht auf Knopfdruck gut gelaunt sein wollte. Nach dem Frühstück verschwandest du im Garten, den du damals schon ökologisch bewirtschaftest. Es gab Salat, grüne Bohnen, süße Möhren und massenhaft Ringelblumen. Von den Johannisbeeren neben dem Haus naschte ich händeweise. Wenn es richtig heiß war, stieg ich nackt in das steinerne Becken mit dem Regenwasser, tastete mich über den glitschigen Boden und rettete Käfer und Fliegen vor dem Ertrinken. Oma schickte mich mit der Bitte nach Petersilie oder Schnittlauch zu dir und stolz brachte ich ihr das kleine Sträusschen in die Küche. Im Vorgarten stand ein alter Mirabellenbaum, dessen Früchte so lecker waren wie der Klang seines Namens. Und es gab Rosen, eine alte Sorte, blassgelb mit rosa Rand, die dufteten ebenso gut wie du.

Ich würde dich gern nach dem Zeichenheft fragen, dass ich an einem heißen, stillen Nachmittag in dem mit aussortierten Sachen vollgestopften Schrank im Giebelzimmer fand. War es von dir? Hast du gern gezeichnet? Ich weiß, dass du Bücher mochtest so wie ich. Im Wohnzimmer gab es eine ganze Schrankwand voll. Ein Liederbuch, dass ich Jahr für Jahr heraus holte. Unzählige Bücher über Pflanzen, Tiere und Kontinente, die du nie bereist hast. Das Vogelbestimmungsbuch Wer singt denn da? habe ich noch immer. Mutter erzählt, dass deine Leidenschaft für Bücher ein Streitthema zwischen dir und Oma war. Nach dem Krieg musstet ihr den Kredit für das Haus abbezahlen, das Geld war knapp und du gabst es für Bücher aus. Ich hätte dir gern den Buchladen gezeigt, den es bis vor ein paar Jahren um die Ecke gab: BÜCHER SIND LEBENSMITTEL stand in großen Leuchtbuchstaben an der Fassade. Ich glaube, das hätte dir gefallen.

So wie den Buchladen gibt es auch das kleine Haus mit dem großen Garten nicht mehr. Zuerst verschwand der Blick auf den Rhein, dann wurde das Haus verkauft und durch einen der vielen gesichtslosen Neubauten ersetzt. Ich bin seitdem nicht mehr dort gewesen. Meine letzte Erinnerung an dich ist der Gang vom Friedhof zum Mauerweg über dem Rhein. In den hohen Kastanien neben dem Friedhofstor flüsterte der Wind. Ich blickte nach oben und obwohl ich nur Äste und Blätter sah, war ich mir auf seltsame Art sicher, dass du es warst, dort oben, in einer der dunklen Baumkronen.

Als Mutter und P. das Haus ausräumten, bat ich um deine Sammlung von KOSMOS-Heften. Es waren Hunderte, in einem alten Rollschrank verstaut. Ich hatte keine Ahnung, was ich damit anfangen würde, aber sie erinnerten mich an dich, mehr als alles andere. Vater lagerte sie gewissenhaft im Keller. So lange bis ich sie auf den eigenen Dachboden brachte. Inzwischen habe ich jedes deiner gesammelten Hefte in Händen gehalten. Ich habe die Werbung der 30er bis 80er Jahre belächelt, mich über wissenschaftliche Fragen gewundert, die heute längst beantwortet sind, habe Fotos von Menschen und Landschaften betrachtet, die es nicht mehr gibt und gestaunt über diese Brücke aus Papier zwischen gestern und heute, dir und mir.

Ob dir gefallen würde, was ich mit deiner Sammlung mache, bin ich mir, ehrlich gesagt, nicht sicher. Anfangs hatte ich Skrupel, wenn ich mit dem Cutter Landschaften heraus trennte oder mit der Schere fein säuberlich Menschen, Schmetterlinge und Vögel heraus schnitt. Wer weiß, wie teuer dir jedes Heft war? Inzwischen freue ich mich über dein Geschenk. Kann sein, dass ich ohne deine Sammlung nie begonnen hätte Collagen zu machen. Und jetzt träume ich von einer Ausstellung in einem alten Friedhofsgebäude der großen Stadt. Mit Bar, Musik und Blätterrauschen. Kastanien gibt es dort auch, bestimmt.

copyright: Ina Stachat

KunstEtagenPankow: Werkschau 2018


Ihr seid herzlich eingeladen zur Werkschau der KunstEtagenPankow am 17./18. November (SA 17.11. 14-20h, SO 18.11. 14-18h). Vielleicht zum letzten Mal öffnen wir unsere Türen in der Pestalozzistr 5-8, 13187 Berlin und zeigen aktuelle Arbeiten aus Malerei, Zeichnung, Skulptur, Druckgrafik, Collage, Illustration, Fotografie, Papierschnitt und Schmuck. Auch viele Gäste sind dabei, u.a. gibt es eine Ausstellungsetage für Pankower Künstler*innen, die kein eigenes Atelier haben.

Aufgrund der prekären Ateliersituation im Bezirk machen wir Wind und veranstalten ein Podiumsgespräch zum Thema RAUMBILDENDE MAßNAHMEN: ATELIERS IN PANKOW ERHALTEN mit Akteuren aus Politik, Verwaltung, Kunst & Kultur. U.a.  kommen Vertreter*innen der Atelierhäuser Prenzlauer Promenade, Australische Botschaft & Milchhof. Martin Schwegmann vom bbk  und der Pankower Bezirksbürgermeister Sören Benn haben auch zugesagt. SA 17.11. 16.30 bis 17.30h (die Ateliers sind währenddessen geschlossen).

In meinem Atelier in der 4. Etage (Raum 425) weht ein ruhigeres Lüftchen. Es erwarten euch neue Collagen, kleine Installationen & Postkarten (einige neue auch im A5-Format). Über euren Besuch freue ich mich sehr, ahoi  & herzlich, Ina.

Blau


Papiercollage, mixed media auf Karton  (Bild ca 10 x 15 cm).

Von Blau kann ich nicht lassen. Auch nicht vom Fliegen. Auf der Werkschau der KunstEtagenPankow am 17./18. November 2018 (SA 14 bis 20h/ SO 14 bis 18h) kannst du dir meine neuesten Arbeiten dazu ansehen. (Extrabeitrag folgt)

Lohnenswert auch die kleine, feine Ausstellung INS LICHT der Künstlerin Ilona Verhoeven im alten Verwalterhaus des Friedhofs St. Marien – St. Nikolai im Prenzlauer Berg, Eingang Prenzlauer Allee 1. Im besonderen Ambiente der unsanierten Räume, zeigt sie Collagen und Fotoarbeiten. Allein der Ort, der von der AG Friedhofsmuseum und den Kulturkapellen durch kulturelle Veranstaltungen neu belebt wird, ist einen Besuch wert. Geöffnet bis 18. November,  DO bis SO 14 bis 17h.

 

Ach so, das mit der Werbung ist von Herzen. Einfach so  & unentgeldlich.

Berührungen

   

handgemachte Papiercollagen (19 x 12 / 16 x 12cm)

Ich möchte mit der Welt in Verbindung sein. Immer wieder neu. Berührbar bleiben, auch wenn es schmerzt. Schützen, was schutzlos ist. Ein Nest bauen für die Welt. Träume hüten, auch wenn ihnen keine Flügel wachsen. Innehalten, wenn der Takt des Müssens mich mitreißt. Der Gewohnheit Momente des Jetzt! entgegenstellen, Lichtpünktchen sammeln und den Mut, ich selbst zu sein.

Himmelsleiter


handgemachte Papiercollage (24 x 33cm).

Manchmal wünsche ich mir eine Leiter, die Himmel & Erde miteinander verbindet. Was nicht heißt, dass ich ganz nach oben will, aber über den Wolkenrand gucken, über mich selbst hinaus, das wär schon was.

Auflösung


handgemachte Papiercollage (24 x 18cm).

Gar nicht so leicht so ein Anfang nach langer Sommerpause. Aufräumen hilft, den Ort anwärmen, mich von anderen inspirieren lassen, im Netz oder Büchern stöbern (aber nicht zu viel), mit der Ateliernachbarin plauschen, rausgucken, klein anfangen, herum spielen, dem Zufall lauschen, Ansprüche vertrösten und mich in einen Zustand der Auflösung träumen. Wie macht ihr das?

Hitzefrei

Dieser Sommer ist einfach zu warm für Papiertänzereien. Bis zum Berliner Ferienende findet ihr mich ausschließlich in Wassernähe. Ahoi & bis bald!

Schicksal


handgemachte Papiercollage (10 x12 cm )

Bestimmung, Fügung, Fatum, Geschick, Karma (buddh.), Kismet (islam.), Los, Prädestination, Schickung, Vorherbestimmung, Vorsehung, Zufall.

Können wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen?