Als ich ein Kind war

Als ich ein Kind war, rochen die Sommer nach Gras und See.
Als ich ein Kind war, stolperte ich manchmal über die eigenen Füße.
Als ich ein Kind war, wogen Worte schwer. Als ich ein Kind war,
tanzten Lichter vor meinen Augen, wenn ich einschlief.
Das alte Krankenhausbett quietschte, rot war es und hochbeinig,
so dass ich mich darunter verstecken konnte, in meiner heimlichen Höhle
und mir Geschichten erzählen von Seeräubern und Abenteuern,
und immer war ich die wilde und unbezähmbare Seeräuberbraut.
Als ich ein Kind war, war ich leicht und schnell, mit braungebrannten
Beinen voller Schrammen und Mückenstiche. Als ich ein Kind war,
konnte ich fliegen, am Tag über den Asphalt und nachts über die Baumwipfel.
Als ich ein Kind war, war ich groß und größer, ich war die Königin.

Als ich ein Kind war, war ich allein in meinem roten Bett.
Der Blick auf die Straße war kalt und grau. Als ich ein Kind war,
suchte ich nach der anderen wilden Königin, der mit dem blonden Haar,
die meine Freundin hätte sein können. Und als ich sie endlich fand,
verlor ich sie wieder. Als ich ein Kind war, wollte ich stark sein und keine Heulsuse.
Als ich ein Kind war, kämpfte ich für die Unterdrückten und die Gerechtigkeit.
Meine Krone trug ich immer, auch wenn sie keiner sah. Nur abends im Bett
setzte ich sie ab und hüllte mich in mein Kleinsein.

(Text nach einem Schreibimpuls von Paro Bolam, Atelier für Worte & Farben).

16 Gedanken zu “Als ich ein Kind war

  1. wunderschön ist dieser text! „…als ich ein kind war hatte ich keinen ehemann, ich habe allein geatmet, ich habe mich allein in die staubigen höhlen der Bücher versenkt, habe allein die kinderkriege ausgefochten, bin allein barfuß über glühende sandwege gelaufen, bin allein in einer bewölkten nacht über einen zaun geklettert, umgeben von gelben duftlosen jasmin blüten…“ schreibt zeruya shalev in ihrem roman „späte familie“ – wo sind diese kinder? die müssen ja noch da und irgendwie aktivierbar sein. ich erinnere mich an meine selbstverständlichkeit und stärke die ich in vielen mädchen zwischen 8 und 12 sehen kann. das ist ja nicht verschwunden, wir müssen uns wieder damit verbinden.

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  2. Dein Text ist voller Leben und überaus berührend und voll kindlich zartstarker Poesie.
    Wir hätten als Kinder gewiß gut, phantasievoll und abenteuermärchenhaft miteinander gespielt … 🙂
    Danke für diese schöne Mit-Teilung!
    Herzensgruß von der Bücherfee
    Ulrike von Leselebenszeichen

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      1. Oh ja, auf Bäumen, unter Bäumen, zwischen hohen Gräsern, Versteckspiele, Schatzsuchen und kleine Picknicks aus selbstgepflücktem Obst und mitgebrachten Keksen mit Gesprächen über Lieblingsbücher und Wunschträume.
        Und Sommerabendämmerung voll Glühwürmchenleuchten … 💫 🌌 💫

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  3. Schöner Text – ich denk oft darüber anch wie die technische Entwicklung heute das Kindsein verändert hat -die veränderungen gehen oft schneller, als der mensch es verkraften kann -ich möchte mich gern irren.
    ich habe auch viel in Verstecken verbracht.
    der 22.9. ist es geworden.
    VG Karen

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    1. Liebe Karen, ich bin unsicher, ob es das Erinnern der guten alten Zeit ist oder ob wirklich so viel verloren geht? Wir alle verlieren ja unsere Kindheit. Fragen, die uns vielleicht erst unsere Kinder beantworten können. Vom 22.9. bis 24.9 habe ich Schreibbankett, schade! (aber ganz vielleicht mopse ich mir auch einen Tag, ich melde mich) Herzliche Grüße, Ina.

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  4. wunderbar!
    als ich ein kind war, war ich des tags frei und unbeschwert. draußen, immer nur draußen, hab die natur geatmet und mit ihr gelebt. abends fühlte ich mich gefesselt und eingesperrt.
    danke für die anregung zum nachdenken!
    liebe grüße
    mano

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  5. liebe ina, ja, es ist ein gartengeißblatt-mandala mit holunder in der mitte. wenn man wege durch ferienhausgebiete geht (weil am strand ein sandsturm weht !) trifft man häufig auf das stark duftende jelängerjelieber. das wort hatte ich übrigens schon mal gehört, es aber nicht mehr mit dem geißblatt in verbindung gebracht. holunder blüht dieses jahr auch in dänemark sehr üppig!
    liebe grüße
    mano

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